Unbegleitet geflüchtete Jugendliche in Berlin. Eine Dokumentation

Wir stellen hier in loser Folge konkrete Fälle von Jugendlichen dar, die unbegleitet geflüchtet sind und in Berlin Asyl beantragt haben. Ihre Fälle dokumentieren die Willkür, mit der Jugendliche als Erwachsene eingestuft werden, auch wenn medizinische und psychologische Gutachten das Gegenteil besagen. Sie dokumentieren auch die widersinnigen Entscheidungen der Berliner Verwaltung, die in einigen Fällen geltendem Recht widersprechen und vor allem nicht einmal zu den Einsparungen führen, die zu ihrer Begründung dienen.
Eine Einstufung als nicht mehr minderjährig führt dazu, dass die Jugendlichen aus der Jugendhilfe herausfallen, keinen Vormund und keine Möglichkeit zum Schulbesuch mehr erhalten. Es führt in vielen Fällen auch dazu, dass sie nicht in Berlin bleiben können, wo sie oft bereits ein soziales Netz aufgebaut haben. Anders als ein Ausbildungsplatz ist ein Schulplatz generell kein Abschiebehindernis, auch das eine widersinnige Entscheidung.
Mit der Erzählung ihrer Geschichten möchten wir einerseits auf die Einzelschicksale aufmerksam machen, die hinter den Zahlen stehen, andererseits aufzeigen, welche dramatischen Folgen bürokratische Hürden und (bewusste?) Fehlentscheidungen der Verwaltung haben können. Wir hoffen darauf, dass diese Darstellung ein Umdenken bewirkt und die betroffenen Jugendlichen als das anerkannt werden, was sie sind: schutzbedürftige Jugendliche.

N.I., geboren im März 2002

N.I. ist in Afghanistan geboren. Schon in der Kindheit erlebteer Trennung und Verlust, die Familie lebt unter finanziell schwierigen Bedingungen. Aufgrund seiner Zugehörigkeit zu einer Minderheit ist er kontinuierlicher Bedrohung ausgesetzt und hat kaum Zugang zum Bildungssystem.
2015 flüchtet er ohne seine Familie. Etwa ein Jahr lang lebt er in einem anderen europäischen Land in einer Pflegefamilie. Dann wird er von den dortigen Behörden als volljährig eingeschätzt und bekommt das fiktive Geburtsdatum 31.12.1998. Er ist daher ausreisepflichtig. Erneut ist N.I. auf der Flucht, schlägt sich obdach- und völlig mittellos durch Europa, bis er 2017 in Berlin ankommt.

Die Senatsverwaltung stuft ihn innerhalb von zwei Tagen – nur aufgrund der Angaben aus dem Drittland und einer kurzen Inaugenscheinnahme – wieder als volljährig ein, obwohl er ein anderes Geburtsdatum angibt, das auch durch eine von der afghanischen Botschaft ausgestellte Geburtsurkunde bestätigt wird. Weder in Deutschland noch in dem anderen Land ist ein richtiges Clearing durchgeführt worden.

Bedingt durch die schwierige Lebenssituation ist seine Entwicklung nicht altersgemäß verlaufen. Die Mitarbeiter/innen einer Beratungsstelle, an die sich N.I. gewendet hat, schreiben:
„Aufgrund seiner Fluchtgeschichte und Gewalterfahrungen hat er Schlafstörungen, Alpträume und Angstzustände. Durch die erlebte Diskriminierung hat N.I. immer noch Verfolgungsängste und reagiert in großen Menschengruppen paralysiert. Er ist häufig krank und klagt über Kopfschmerzen. Er hat zudem Konzentrationsschwierigkeiten. Durch die unsichere Aufenthaltssituation ist er verzweifelt und äußert Suizidgedanken. Diese Symptome sprechen für eine posttraumatische Belastungsstörung.“

Auch in der Einschätzung des Alters von N.I. widersprechen sie den Behörden: „Unser erster Eindruck war rein optisch, dass N.I. deutlich jünger als 19 aussieht. Er hat klassische pubertäre Akne, hat kaum Muskulatur, seine Arme und sein Gesicht sind kaum behaart, er hat nur einen Flaum an der Oberlippe.“

Sie beschreiben einen Jugendlichen, der verzweifelt ist und dringend Unterstützung braucht:
„Er wirkte hoffnungslos, verzweifelt, sehr schüchtern und verwahrlost. Seine Wortwahl ist einfach, sowohl in Dari, als auch in Englisch. Er ist empathisch und auf der Suche nach einem Ort, der ihm Sicherheit, Stabilität und Geborgenheit anbietet: ‚I lost my father and I don´t want to lose myself, I am only 15 years old.‘ Er beschreibt seine Lebenssituation als ohnmächtig: ‘I am sad, how can I be happy to this bad situation and my past was also so much bad, so it`s automatically that I am sad.’ Im ersten Gespräch äußerte er, dass er lieber stürbe, als wieder weggehen zu müssen.“

Aufgrund der Einstufung als volljährig hat N.I. eine Grenzübertrittsbescheinigung erhalten und soll aus Deutschland abgeschoben werden, in das Drittland, das nach Afghanistan abschiebt. Deutschland würde sich im Zweifelsfall an der Abschiebung eines Minderjährigen in ein Kriegsgebiet beteiligen.

B.O., geboren im Oktober 1999

B.O. ist nach eigenen Angaben im Oktober 1999 in Afghanistan geboren. Er kommt 2015 nach Deutschland und reist von hier aus in ein Nachbarland weiter, wo er Verwandte hat. Im Rahmen des Dublin-Verfahrens wird er im Januar 2017 nach Deutschland zurückgeschickt. Die Senatsverwaltung für Bildung, Jugend und Familie nimmt ihn in Obhut und bringt ihn in einer Erstaufnahmeeinrichtung unter. Die Alterseinschätzung ergibt Minderjährigkeit. Das Familiengericht überträgt einem Jugendamt die Vormundschaft. All das geschieht sehr schnell.

Als etwas später Unterlagen von der ersten Einreise auftauchen, ändert sich plötzlich die eigene Alterseinschätzung der Behörden: Denn die Bundespolizei hatte damals ein anderes Geburtsdatum verzeichnet. Obwohl B.O. eine Geburtsurkunde der afghanischen Botschaft vorlegt, die das Datum im Oktober 1999 bestätigt, gilt er jetzt als erwachsen. Das hat für ihn dramatische Folgen: Die Inobhutnahme wird sofort aufgehoben, er muss die Erstaufnahmeeinrichtung verlassen, auch die Vormundschaft wird sofort beendet.

In dieser Zeit entsteht der Kontakt zu encourage e.V., eine dort engagierte Person übernimmt die Vormundschaft für B.O. Gegen die Entscheidungen der Senatsverwaltung und des Familiengerichts laufen Klagen.

Das BAMF hat B.O. aufgrund der Einschätzung als Volljähriger in die „Fastline“ verortet, sein Asylantrag sollte schnell verhandelt werden. Wegen der ungeklärten Fragen hat sich ein Anhörer geweigert, die Anhörung durchzuführen. Ein weiterer Termin hat dann stattgefunden. Hier wurde die Geburtsurkunde als falsch bewertet.

B.O. hat seit seinem Rauswurf aus der Erstaufnahmeeinrichtung in verschiedenen Notunterkünften gelebt. Inzwischen wohnt er in einer bekannten Notunterkunft, einer Einrichtung, die schon häufig negativ in den Medien aufgetaucht ist.

Die ehrenamtlichen Unterstützer/innen haben erweiterte Jugendhilfe beantragt. Erst auf vielfachen Druck kam drei Monate nach Antragstellung eine Antwort: Die erweiterte Jugendhilfe ist für sechs Monate bewilligt worden. Es fehlt aber noch ein Platz in einer betreuten Jugend-WG – und vor allem eine Perspektive für die Zeit danach.

U.T., geboren im September 1999

U.T. wurde nach eigenen Angaben im September 1999 in Gambia geboren. Seine Geburtsurkunde liegt vor und bestätigt dieses Datum. Mehrere Außenstehende, u.a. ein Mitarbeiter eines Berliner Jugendamtes und ein Facharzt für Allgemeinmedizin, kommen zur gleichen Einschätzung: Der Junge ist minderjährig. Bestätigt wird außerdem von mehreren Stellen eine schwere Traumatisierung.
Er erzählt, dass er auf der Flucht in Libyen im Gefängnis war und dort misshandelt wurde. Aufgrund seiner Traumatisierung ist er heute stark abgemagert.

In Berlin hat er trotz seiner psychischen Belastung einen Schulplatz gefunden. Das Jugendamt organisiert einen Platz im Betreuten Wohnen, er beginnt eine Psychotherapie und macht erste gesundheitliche Fortschritte.

All diese Erfolge sind zunichte gemacht, als das Landesamt für Gesundheit und Soziales ihn im Mai 2016 als volljährig einstuft und damit seine Rückweisung in die Stadt, in der er vor seinem Aufenthalt in Berlin gemeldet war, anordnet. Gegen diese Einstufung klagt der Jugendliche. Er versucht auch, sich einen gambischen Pass ausstellen zu lassen. Das Konsulat in Berlin ist dazu aber nicht befugt. Die Klage wird abgewiesen, ein Widerspruch ist erfolglos.

Inzwischen hat U.T. eine Odyssee durch mehrere Städte hinter sich. Gestrandet ist er in einer Kleinstadt, wo es für ihn keinerlei Betreuungs- oder Bildungsangebote gibt.
In Berlin hatte sich unter anderem der Sozialpädagogische Dienst eines Jugendamtes für ihn eingesetzt. Aus dem Schreiben an die Ausländerbehörde: „Wir haben einen Jugendlichen erlebt, der eine posttraumatische Störung aufweist, dies ergibt sich sowohl aus den Gesprächen und wird auch mit dem Bericht der temporären Einrichtung untermauert. Zudem hat er einen absolut dringenden Jugendhilfebedarf! Der Jugendliche ist unseres Erachtens keineswegs 18 Jahre […] Um eine weitere Verschlechterung seines Gesundheitszustandes und eine Retraumatisierung zu verhindern, sprechen wir uns ausdrücklich für eine Zuweisung nach Berlin aus.“

Auch die betreuende Psychologin setzt sich für ihn ein. Sie schreibt an die Behörde:
„Aus psychologischer Sicht ist von einer F43.1 posttraumatischen Belastungsstörung (ICD-10)
auszugehen. Seine psychische Not schränkt die Teilhabe am sozialen Leben massiv ein. […] Meiner Einschätzung nach besteht bei U.T. eine besondere Schutzbedürftigkeit, da nach wie vor von psychischer Instabilität mit dissoziativen Zuständen auszugehen ist. […] Meiner Ansicht nach bestehen berechtigte Zweifel, dass U.T. volljährig ist. […] Die Einschätzung seiner Volljährigkeit sollte dringend überprüft werden. Ich halte es derzeit für nicht vertretbar, ihn erneut einer psychisch unsicheren Situation auszusetzen und die bestehenden Bindungen allgemein und die therapeutische Beziehung im Besonderen zu unterbrechen und schlimmstenfalls gänzlich abbrechen zu lassen. Auch die Unterbringung in einer Massenunterkunft halte ich derzeit psychisch für kontraindiziert.“

Die Leiterin der Wohneinrichtung, in der er untergekommen ist, schreibt:
„Herr U.T. hat einen festen Schulplatz und besucht regelmäßig die Schule, er spielt Fußball im Verein und hat ein soziales Umfeld in Berlin aufgebaut. Aufgrund seiner schweren Traumatisierung ist Herr U.T. therapeutisch gut angebunden und sollte laut Gutachten der Therapeuten auch im Moment keine weiteren Veränderungen oder Orts- und Betreuungswechsel erleben müssen. Ich möchte Sie daher im Sinne von Kinderschutz dringend bitten Herr U.T. den weiteren Aufenthalt in Berlin zu gewähren.“

All diese Bemühungen sind bisher erfolglos geblieben.